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Sue Williams

Hot Sex and Violence, 2009
Tinte auf Pergament
45,7 x 61 cm; 54,7 x 67 x 4 cm

COMEDY – curated by Jörg Heiser & Sarah Khan
Erschreckend aktuell | Frighteningly topical

Saâdane Afif  Judith Bernstein  Monica Bonvicini  General Idea  Rosie Gibbens  Richard Hoeck  Ronald Kodritsch  Marko Lulić  Katrin Plavcak
Slavs and Tatars  Stefanie Sargnagel  Sue Williams  Young-jun Tak

Katrin Plavcak

Das Phantom von Tom, 2016
Öl auf Baumwolle
90 x 90 cm

Judith Bernstein

ACTIVE FIGURATION FLUORESCENT, 2001
Fluoreszierende Farbe und Tinte
30,48 x 30,48 cm

Das in Berlin lebende Ehepaar Jörg Heiser und Sarah Khan beschäftigt sich schon lange mit Komik und Humor in Kunst, Literatur und Film. Weil Humor eine Methode der Entblößung sein kann, als auch die Entblößung eine Methode des Humors ist, sollte das Thema der Schau auf Formen von „Genitalkomik“ eingegrenzt werden. „Genitalkomik“ lautete dann auch erstmal der Arbeitstitel.

Nacktheit, Körpertabus, Geschlechtsmerkmale und Geschlechtsseltsamkeiten scheinen zunächst keine Themen mehr sehr zu sein, mit denen zeitgenössische Künstler*innen sich noch besonders intensiv oder werkumfänglich beschäftigen wollen. Die Enttabuisierung und der dauerhafte kommerzielle Gebrauch der Körpermerkmale, insbesondere weiblicher, lässt scheinbar nur noch wenig Spiel, sich dem Thema auf interessante Weise zuzuwenden. Welche Strategien und Reaktionen haben sich auf diesem Feld noch nicht verbraucht? Und welche Selbstaussagen riskieren Künstler*innen, wenn sie sich dem Thema zuwenden?

Die Darstellung eines Picknicks unter Freunden, mit nackter Frau im Grünen, würde heute als chauvinistischer Akt verstanden werden, und nicht als Aufbruch einer Bohème wie zu Edouard Manets Zeiten. Der nackte Frauenkörper als Dauermotiv des männlichen Künstlergenies hat längst ausgedient. Und die binäre Logik männlich/weiblich wird in Frage gestellt durch queere Perspektiven.

Die Freiheit zur Nacktheit und Entblößung spielt aber in den ideologischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart noch eine große Rolle. Weltmächte, Religionen und Kulturen werden dabei gegeneinander ins Rennen geschickt. Burkini oder Bikini (wobei Ronald Kodritschs malerische Aufmerksamkeit der überraschenden Vielgestaltigkeit der Bikinizone gilt)? Nackte Brüste oder eingelegte Gurken (beides, jedenfalls bei Slavs and Tatars)? Sexuelle Ausbeutung in Kriegszeiten oder romantische Lichterketten und Aufklärung zur Verhütung (Young-jun Tak in Bezug auf die jüngere Geschichte Südkoreas und Japans)?

Die schrittweise Befreiung der Sexualität von den 1920ern über die 1960er bis in die jüngste Gegenwart, nicht zuletzt durch emanzipative Kämpfe gegen Heteronormativität, sind unhintergehbar. Aber dennoch: Will der globale Westen, mit seinem warenförmigen Diskurs um die Nacktheit bzw. Freiheit, nicht auch seine Gegner und Opponenten einschüchtern? Er verhält sich oftmals wie ein Exhibitionist, der hinterm Gebüsch lauert, und alle, die er als unterlegen auffasst, mit seiner Imposanz erschrecken will. Dann verkriecht er sich beleidigt, wenn er ausgelacht wird ob seiner Unvollkommenheit und Kleinheit.

Der Ansatz, sich mit dem Phallus bzw. Penis auseinanderzusetzen, ist also gegenwärtig noch nicht aus seiner historischen Notwendigkeit entlassen. Rosie Gibbens Videoperformances nähern sich dem Thema mit trockenem Slapstick- Humor; während Saâdane Afif und Monica Bonvicini nicht zuletzt mit kunsthistorischem Bewusstsein operieren, wenn sie Arbeiten von Man Ray (Afif) und Duchamp (Bonvicini) adaptieren und umdeuten.

Das ultimative Kleidungsstück für das männliche Geschlecht – eine Unterhose der Marke Jockey mit charakteristischem Eingriff, verarbeitet und umgenäht zur legeren Handtasche – ist mit der Arbeit von General Idea (Edition von 1998 für die Zeitschrift „Texte zur Kunst“) zu sehen. Als Tasche verwendet, ist die Unterhose nun plötzlich eine Körperetage höher angesiedelt, zwischen Arm und Bauch baumelnd, wirkt sie verletzlich, orientierungslos. Soft und seiner Aufgerichtetheit beraubt ist auch der Hut Richard Hoecks, den er im Selbstporträt mit ernster Würde trägt.

Überraschend war für das kuratierende Duo Heiser und Khan, wie zentral und auch grell die teilnehmenden Malerinnen Judith Bernstein, Katrin Plavcak und Sue Williams den Phallus immer noch inszenieren. Doch als die Welt im Juli 2021 aus den Nachrichten von den Raketenfahrten eines Jeff Bezos und Richard Branson erfuhr und die Bilder dazu sah, wurde Heiser/Khan bewusst, wie „erschreckend aktuell“ die phallozentrische Weltsicht immer noch ist. Die Erde kreist noch lange nicht um die Sonne, solange es dem reichsten Mann der Welt vor allem immer noch um seine eigene Größe zu tun ist. Dieser Umstand erinnert zudem an das im Architektur-Kontext beschriebene wer-hat-den-Größten-Phänomen, genannt Edifice Complex (vom Architekturkritiker Deyan Sudjic geprägter Begriff, aufgegriffen mit der Arbeit von Marko Lulić).

Die Komikerin und Schriftstellerin Stefanie Sargnagel ist eine Meisterin darin, jeden Größenwahn zurück auf den Boden der benennbaren Tatsachen zu holen. „All cocks are beautiful“ schreibt sie unter ihre Zeichnung einer äußerst diversifizierten Peniswelt. In Wien hat die Entmystifizierung des Geschlechtlichen, von Sigmund Freud bis Valie Export, schließlich Tradition.

Vor diesem Hintergrund erlauben sich Heiser und Khan auch, zusätzlich zu den künstlerischen Beiträgen einzelne Artefakte – etwa ein Adressbuch, ein Plattencover, Meldungen in den Sozialen Medien, Musikvideos – als ergänzende Kommentare in die Ausstellungschoreographie hineinzugeben.

Monica Bonvicini

Drill 4 Chastity, 2004
Bronze und Kunstharz
10,5 x 15 x 9 cm

Ronald Kodritsch

16.Bikinimädchen, 2020
Öl auf Leinwand
180 x 200 cm

Richard Hoeck

“Soft Hard Hat” A commentary on aging, 2021
C-Print matt kaschiert auf Alu-Dibond
77 x 110 cm (gerahmt)

Berlin-based couple Jörg Heiser and Sarah Khan have long been concerned with comedy and humor in art, literature, and film. Because humor can be a method of exposure (indecent or not), just as exposure is a method of humor, the theme of the show was to be narrowed down to forms of “genital comedy.” “Genital comedy” was then also initially the working title.

Nudity, body taboos, gender characteristics, and gender oddities no longer seem to be topics that contemporary artists want to deal with intensively or comprehensively. The de-tabooization and the permanent commercial use of body characteristics, especially female ones, seemingly leaves little room to approach the subject in an interesting way. What strategies and responses have yet to be consumed in this field? And what self-statements do artists risk when they turn to the subject?

Today, depicting a picnic among friends with a naked woman in the green would be understood as a chauvinistic act – and not as the awakening of a bohemian world as in Edouard Manet’s time. The naked female body as a permanent motif of the male artistic genius has long since become obsolete. And the binary logic male/female is being questioned by queer perspectives.

The freedom to be naked and exposed, however, still plays a major role in the ideological conflicts of the 20th century up to the present. World powers, religions, and cultures are pitted against each other in the process. Burkini or bikini (while Ronald Kodritsch’s painterly attention is directed to the surprising multiformity of the bikini zone)? Bare breasts or pickled cucumbers (both, at least with artist group Slavs and Tatars)? Wartime sexual exploitation or romantic lights and contraception education (Young-jun Tak in reference to recent South Korean and Japanese history)?

The gradual liberation of sexuality from the 1920s through the 1960s to the recent present, not least through emancipatory struggles against heteronormativity, are irrefutable achievements. But still: Doesn’t the global West, with its commodified discourse around nudity or freedom, also want to intimidate its opponents? It often behaves like an exhibitionist lurking behind the bushes, wanting to frighten all those it perceives as inferior with its imposingness. Then it crawls away offended when it is laughed at because of its imperfection and smallness.

Therefore, at present, the approach of dealing with the phallus or penis is not yet released from its historical necessity. Rosie Gibben’s video performances approach the subject with dry slapstick humor; while Saâdane Afif and Monica Bonvicini operate not least with art historical awareness when they adapt and reinterpret works by Man Ray (Afif) and Duchamp (Bonvicini).

The ultimate garment for the male gender – a pair of Jockey brand underpants with a characteristic opening, processed and re-sewn into a casual handbag – is on view with the work by General Idea (1998 edition for the magazine “Texte zur Kunst”). Used as a bag, the underpants are now suddenly placed one body level higher, dangling between arm and belly, they appear vulnerable, disoriented. Soft and robbed of its erectness is also Richard Hoeck’s hat, which in his self-portrait he wears with serious dignity.

Surprising for the curating duo Heiser and Khan was how centrally and also garishly the participating painters Judith Bernstein, Katrin Plavcak, and Sue Williams still stage the phallus. But when the world, in July 2021, learned in the news about the rocket journeys of Jeff Bezos and Richard Branson and saw the accompanying pictures, Heiser/Khan became aware of how “frighteningly topical” the phallocentric world view still is. Earth still does not revolve around the sun as long as the richest man in the world is still chiefly concerned with his own magnitude. This circumstance is also reminiscent of the who-has-the-biggest phenomenon described in the context of architecture, called Edifice Complex (a term coined by architecture critic Deyan Sudjic, taken up with the work of Marko Lulić).

Comedian and writer Stefanie Sargnagel is a master at bringing any delusions of grandeur back down to the ground of nameable facts. “All cocks are beautiful” she writes under her drawing of an extremely diversified penis world. In Vienna, after all, the demystification of the sexual, from Sigmund Freud to Valie Export, is a tradition.

Against this background Heiser and Khan, in addition to the artistic contributions, also take the liberty of adding individual artifacts – such as an address book, a record cover, social media messages, music videos – as supplementary comments to the exhibition choreography.

Saâdane Afif

Vice de Forme (Port de Oro), 2017
Marmor (Port de Oro)
21 x 21 x 21 cm; Ø 16 cm; H: 60 cm Ø 26,5 cm

Judith Bernstein

Cockman #3, 2016
Acryl auf Leinwand
182,88 x 182,88 cm

Sue Williams

Nightlife, 1995
Acryl auf Leinwand
38 x 46 cm

Judith Bernstein

Small Blue Balls (Blue Ground), 2019
Acryl auf Leinwand
121,9 x 121,9 cm

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